Die grundlegende Idee dahinter ist eine medizinische Betreuung der Patienten zwischen den Arztvisiten. Dabei ist diese Formulierung eher vorsichtig gewählt ist, weil durch eine automatische Überwachung von Patientendaten z.B. CGM-Analyse plus telemedizinischer Kommunikation zwischen Arzt und Patient bei Fragen oder Problemen einiges, aber nicht alles ohne unmittelbaren Arztkontakt machbar ist – oder in Zukunft sein wird.

Natürlich soll die virtuelle Klinik keinen persönlichen Kontakt ersetzen, sondern ergänzen durch direkten Austausch durch z.B. Videosprechstunden, die in vielen Fällen eine ausreichende Kommunikation ermöglichen. Hinzu kommen andere Kommunikationskanäle wie Emails, WhatsApps, etc. Vieles an Datenaustausch und -analyse wird dabei automatisch im Hintergrund ablaufen und nur wenn „Watchdog“-Funktionen des Computers auf Probleme hinweisen, werden Patienten oder auch der Arzt aktiv.

In diesem Zusammenhang wird auch die Datenerfassung und -auswertung durch Apps eine wichtige Rolle spielen. Viele Apps sind ja inzwischen keine für sich selbst stehenden Programme auf dem Handy mehr, sondern über das Internet bzw. die Cloud mit einem Server verbunden. Dort werden nicht nur die Daten gespeichert und entsprechend ausgewertet, der Patient erhält auch Anweisungen und Beratung, wird auf Probleme hingewiesen oder seine Angehörigen werden bei akuten Problemen gewarnt. Auch das Diabetes-Team kann darüber in Kommunikation mit dem Patienten treten: Apps und Smartphone sind in diesem Sinne „Betreuungsinstrumente“ und wir müssen lernen, deren Position für die Patienten entsprechend zu werten. Routinemäßige Arztbesuche können dann entfallen bzw. werden situations-getriggert erfolgen.

Treibende Kräfte bei der Digitalisierung der Betreuung von Patienten sind die ständig steigende Anzahl von Patienten bei zunehmend weniger Diabetologen, gepaart mit einem erheblichen Kostendruck und dem Wunsch nach besserer Behandlung der Patienten. Dies verlangt nach neuen Ansätzen, aber auch sehr wohl nach der Bereitschaft diese auch zu bezahlen. Wenn eine gute Betreuung der Patienten zwischen den Arztvisiten erreicht werden kann – oder diese sogar zum Teil überflüssig machen – können auch die vereinbarten Ziele erreicht werden.

Beim ATTD in diesem Jahr gibt es ein Consensus-Meeting zum Thema „Virtual Digital Clinic“ mit dem Ziel abzuklären, in welchem Ausmaß sich die digitale Welt in Hinsicht auf die Behandlung von Menschen mit Diabetes auswirkt und was es dabei zu tun und zu beachten gilt, z.B. in regulatorischer Hinsicht.

Unser Fazit: Wer dies für Zukunftsmusik hält, sollte sich daran erinnern, wie die Welt vor zehn Jahren aussah, wie vieles von dem, was wir heute als Standard betrachten, damals noch in den Kinderschuhen steckte. Auch wenn sich manche Ideen und Konzepte von 2010 nicht durchgesetzt haben, Verbesserungen und andere Ansätze zur Patientenbetreuung sind aus verschiedenen Gründen unabdingbar. Außerdem gibt es bereits erste Aktivitäten in diesem Geschäftsfeld, hier ein Beispiel:

Onduo ist eine von Sanofi und Verily finanzierte „Start-up“-Firma, die sich, ausgestattet mit einem Startkapital von 500 Millionen Dollar, um solche innovativen digitalen Geschäftsfelder kümmert. Während Sanofi im Diabetesbereich bekannt ist, handelt es sich bei Verily um ein Forschungsunternehmen im Bereich der Biowissenschaften der Firma Alphabet, die wiederum ein unabhängiges Tochterunternehmen von Google ist.

Ziel von Onduo ist es, eine Virtuelle Diabetes-Clinic (VDC) für erwachsene Patienten mit Typ-2-Diabetes aufzubauen, aktuell ist dies konkret für Asien in der Planung. Alle Medizinprodukte sollen miteinander kommunizieren können, die Patienten erfahren ein Lifestyle Coaching und erhalten Unterstützung im Alltag über eine App. In regelmäßige telemedizinische Video-Konsultationen mit Diabetologen können Fragen zur Medikation und deren Anpassung besprochen werden. Patienten mit einem erhöhten Risiko erhalten ein CGM-System von Dexcom zur Verfügung.

Aktuell werden bereits einige Hundert Patienten mit diesem Ansatz betreut und das hat zu einer signifikanten Verbesserung in der Glukosekontrolle geführt: Bei fast 800 Patienten reduzierte sich die Anzahl von Patienten mit einem HbA1c von >9% um 18% auf 9%. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil von Patienten mit einem HbA1c <7% von 33% auf 45%. Leider gab es keine Kontrollgruppe und die Daten der Evaluierungen wurden auch nicht publiziert.

Unser Fazit: Sollte sich daraus ein tragfähiges Konzept entwickeln, könnte die virtuelle Diabetesklinik gut geeignet sein, um Patienten bei ihrem Diabetesmanagement zwischen den Arztvisiten zu unterstützen – die telemedizinische Sprechstunde in der Umsetzung. Spannender ist vielleicht die Frage, WER die Patienten telemedizinisch betreut. In einem Land wie Deutschland mit einer guten Infrastruktur an Fachärzten wäre dies durchaus als zusätzliches Angebot aus den Schwerpunktpraxen denkbar.

In Anbetracht der „Marktmacht“, die hinter den beteiligten Firmen steht, wird von diesem Ansatz vermutlich noch einiges zu hören sein.

DiaTec weekly – Feb 21, 20

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